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  • Junger Mann in braunem Kittel

    Junger Mann in braunem Kittel

    Das Germanische Nationalmuseum im Süden der Nürnberger Altstadt wird seinem drögen Namen gerecht: Auf langen Fluren und Hallen finden sich unzählige Grabsteine schon lange verstorbener und vergessener Persönlichkeiten und die riesige Auswahl an Kirchenkitsch lässt ehemals zum Gottesdienst Genötigte schwer durchatmen. Doch wer sich durch dieses Labyrinth wagt und die eine oder andere versteckte Tür öffnet, schafft es am Ende vielleicht bis nach ganz oben. Dort befindet sich die Sammlung des 20. Jahrhunderts.

    Fragt man nach einem Lieblingsbild, Lieblingsmittagessen oder einer Lieblingsfarbe, dann habe ich seit dem Kindergarten keine konkrete Antwort darauf. Aber die Sammlung 20. Jahrhundert ist mein liebster Teil dieses Museums. Neben ikeaesquen aber trotzdem urgroßmutteralten Stühlen findet sich dort hauptsächlich Malereien und (aufgrund der versteckten Lage) kaum Zuschauer. Dabei wirkt diese Kunst auf mich viel zugänglicher und menschlicher als die realistisch-naturalistischen Pendants in den Stockwerken weiter unten. Viel mehr als in den detailreichen Jesusdarstellungen früherer Zeiten  strahlt mich hier das Leben an, welches eben mehr als nur korrekt dargestellte Form und Farbe ist.

    Es ist leicht, sich hier zu verlieren und auf den weichen Kunstledersofas zu verweilen, die Zeit zu vergessen und viel von einem selbst in diesen Malereien zu entdecken. Doch gerade in dann geschieht ein nicht angekündigter Bruch. Gleich neben diesen Malereien plötzlich fürchterlicher Kitsch. So sehr man auch meinte, dem Jetzt zu entkommen: Man muss erkennen, es ist immer noch ein germanisches Museum.

    Besonders im Kontrast mit der Vielfalt und Menschlichkeit der Weimarer Republik erschlägt einen der Kitsch der Nationalsozialisten. Wo vorher Menschlichkeit war, inherent ambivalent und vielfältig, ist nun Klarheit. Freilich ist es in einer autokratischen Gesellschaftsordnung wie dem Faschismus nicht notwendig, Ambiguitäten zu zeigen oder Menschen überhaupt zu etwas außer Gehorsam zu bewegen. Was wir da sehen, das war Deutschland, aber normal.